Auszug aus Detorid
Erschüttert blickte Alkalja auf das verschmorte Fernfunkgerät. Der Plastiküberzug der Tischplatte vor ihm war mit Blasen überzogen und es roch ziemlich stechend in der Kabine. Vom Funkgerät das auf dem Tisch stand, stiegen Dampfschwaden auf. Es sah alles in allem ziemlich danach aus, dass Alkalja über dieses Gerät kaum eine Antwort würde erwarten können. Zumal es auch keinen Ton mehr von sich gab.
Der brummige Caldari schüttelte langsam und enttäuscht den Kopf. Trotz der vorsichtigen Bewegung hatte er das Gefühl, als ob das Hirn im Schädel sich der Bewegung widersetzen wollte. Die Nachwirkungen der fehlerhaften Cryophase waren nicht nur ärgerlich, sondern auch schmerzhaft. Aber nach seiner Übertragung schien eine Antwort gesendet worden zu sein. Er hatte irgendwelche Stimmen gehört – allerdings war er sich bei der schlechten Übertragung nicht sicher ob diese Stimmen ihm galten. Obwohl der meinte zwei ihm bekannte Stimmen gehört zu haben, waren diese doch dermaßen undeutlich gewesen, dass Alkalja eher an irgendwelche Funkreflektionen als reale Antworten glaubte. Allerdings schien sich kurz vor dem unvermittelten Ableben seines Senders eine weibliche Stimme dazu zu gesellen. Sie schien seinen Namen und rufen und irgendwas von "… auf ….. haben Krieg …. Cryokammer…" und "… umgezogen …." – danach gab es ja keinen Ton mehr – außer dem Knistern der verschmorenden Funkbüchse. Doch diese Stimme schien ihm irgendwie bekannt – wie aus alten Zeiten. Irgendetwas ließ diese Stimme in ihm erklingen – es würde ihm bestimmt noch einfallen.
Die Kabinenlüftung bekannt endlich die giftigen Dämpfe abzusaugen und Alkalja überlegte sich in Ruhe die nächsten Schritte. Jetzt bloß nichts Unüberlegtes tun! Die Station war feindlich besetzt. Das hatte er schon gemerkt. Und die nette Lady in unbekannter Ferne, die auf seine chiffrierte Botschaft auf der alten Corp-Frequenz antwortete, erwähnte was von einem Krieg. Scheinbar nicht besonders erfolgreich. Naja. Alkalja grinste in sich hinein. Ihn würden sie nicht bekommen. Jedenfalls nicht auf die billige Tour. Seine Schiffe schienen noch auf Station zu sein. Man hätte sie heraus sprengen müssen – fest verankert im hintersten Winkel der untersten Hangarebene eingelagert und mit dreifachen photonisch kodierten Mnemo-Schlüsseln versiegelt. Die Caldari-Schiffs-Kis waren sowieso nicht besonders zimperlich mit Schiffsdieben oder Saboteuren, daher war es eigentlich verständlich, dass die Roten bislang einen Bogen um die feindlichen Schiffe gemacht hatten. Das würden sie sicherlich auch noch länger machen. Ein Caldari-Battleship gegen der Willen der Schiffs-KI aus einer Station entfernen zu wollen ist wesentlich aufwändiger als einfach eine neue Station zu bauen. Die Station gehörte jetzt offenbar einen gewissen Curse Team und dieses Team war zumindest intelligent genug Alkaljas Schiffe in Ruhe zu lassen. Den Caldari selber konnten sie nicht finden, der hatte sich unterhalb seiner Raven in einem kleinen Lagerraum in die kleine Cryokammer zurück gezogen. Das Teil hatte er vor einiger Zeit in einem Wrack gefunden und einfach mitnehmen müssen. Diese Cryotanks waren nicht gerade billig und Alkalja war noch nie besonders reich gewesen. Einige Wochen lang verwendete Alkalja fast jede freie Stunde zur Arbeit an der halb zerlegten Cryokammer. Er wollte einfach das Geld für die Reparatur sparen und es selber tun. Endlich war es dann soweit und er wollte das Teil testen – schließlich kann ja nicht viel passieren wenn man die Cryokammer nur auf geringe Temperaturabsenkung und eine kurze Zeit einstellt. Daß Alkalja allerdings die Skala verkehrt herum eingebaut hatte, das konnte er zu diesem Zeitpunkt ja nicht wissen.
Naja, es ging schief. Und es war peinlich. Musste ja nicht jeder gleich wissen. Er hätte wohl doch wesentlich früher jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt… nun war er also scheinbar als letzter noch übrig in Detorid.
Doch: Wohin nun? Das Funkgerät war sprichwörtlich zerstört – Alkalja hatte seinen der abgebrochenen Funkverbindung folgenden Wutanfall genutzt um sich am verschmorten Funkgerät als gestaltender Künstler zu betätigen. Allerdings hatte er noch ein kleines, tragbares Gerät mit dem er per Privatkanal den alten Haudegen DJMike erreichen konnte – so immer er auch sei. Der freundliche Gallente alter osmanischer Abstammung reagierte wie in alten Tagen: Schnell und präzise. Nur wenige Zeit später hatte Alkalja einen Code empfangen. Die Nachricht war kurz. Und sie bestand nur aus 5 Zeichen. Es waren Systemkoordinaten. Und dieses System war nicht besonders nah...
Auf seine Queen Mary zu kommen war nicht wirklich ein Problem. Die Reds waren eh nicht so zahlreich um die untersten Ebenen der riesigen Stationshangars zu kontrollieren. Und die KI der Queen Mary war eindeutig auf Alkaljas Seite – ihres Piloten. Die kurze Strecke zur Einstiegsschleuse war schnell zurück gelegt und die aufmerksame Ravenlady liess ihn problemlos an Bord. Die Queen Mary jetzt auszufliegen erschien Alkalja aber zu risikoreich, dafür liebte er das Schiff einfach zu sehr. Er bereite alles für eine spätere Rückkehr vor und befand sich kurz danach bereits auf dem Weg in die Cloning Station um per Clonjump ins Empire zurück zu kehren. Er hatte dort in einem weit entfernen System noch eine Moa zurück gelassen.
Während Alkalja seine Kleidung ablegte um sich in den Clontank zu legen, musste er an die alten Zeiten denken. Detorid war Lotka Volterra Gebiet gewesen. Niemand hätte damit gerechnet, dass die Reds das Gebiet hätten einnehmen können. So viele POSsen es auch gewesen waren – scheinbar hatten die Reds es trotzdem geschafft. Alkalja hatte plötzlich einen bitteren Geschmack im Mund. Wie hatte sich das Universum verändert? Wie waren die politischen Machtblöcke positioniert? All das würde nun sehr, sehr interessant werden. Über das Empire würde Alkalja sich bis in den Süden durchschlagen. Um den Empire-War machte er sich keine Sorgen. Im Empire angekommen würde er sich recht bald mit Tech2 versorgen können. Außerdem war sein Problem nicht der Feind, sondern die Entfernung zum HQ.
Vollständig betrat Alkalja nun den medizinischen Bereich der Cloning Station um dort den Tank zu besteigen. Die Temperatur betrug dauerhaft 37 Grad. Das Atmen fiel schwer, die Luftfeuchtigkeit war enorm. Der Raum ist im Halbdunkel nur das rhythmische Blinken und einige Displays erhellen Teilbereiche. Neben der spiegelblanken Clon-Einheit bleibt der Caldari stehen und betrachtet sein Spiegelbild. Das zernarbte Gesicht, die weisse Haarsträhne, der muskulöse Körper. Ein Meisterwerk der caldarischen Gentechnologie. Und nun würde diese Körper wieder für unbestimmte Zeit eingelagert werden und er würde in einem nahezu gleichartigen Clonkörper im Empire wieder erwachen. Alkalja verzieht das Gesicht. Im wird schmerzlich klar, wie dumm die Idee mit der Cryokammer gewesen war. Warum musste er auch immer so an dieser Uralt-Technik hängen? Jede Cloning Station ist um Jahrzehnte weiter entwickelt und ungefährlich. Hier wäre diese Fehler nie passiert. Aber er musste ja selber basteln. Die Quittung ist schmerzhaft.
Alkalja steigt in den Clontank. Die Flüssigkeit ist körperwarm, durchsichtig und dickflüssig. Sein Körper taucht zur Hälfte ein und Alkalja nennt mit fester Stimme der Schiffs-KI seinen Zielwunsch, bestätigt sodann mit seinem persönlichen Kommando-Code. Alkalja sitzt nun im Clontank, die Abdeckung schließt sich und er lässt sich langsam in die Liegeposition zurück gleiten. Sein Kopf taucht unter und Alkaljas Körper ist komplett vom Cloning Gel umgeben. Ein kurzer Reflex will ihn zur Atmung zwingen – da explodieren in seinem Kopf Tausende von Farben, ein weißes Licht scheint auf ihn mit Lichtgeschwindigkeit zuzurasen. Ein heller Ton kommt aus dem Licht und lässt ihm am ganzen Körper vibrieren. Dann… Aus! Dunkelheit. Stille. Schwarz. Nichts. Gar nichts. Zeit bleibt stehen. Clonjump!
Alkaljas Körper streckte sich. Ein helles Licht umschmeichelte ihn. Es war warm und vertraut. Alkalja fühlte sich geborgen. Plötzlich zerstörte ein schrilles Kreischen die Idylle und das weiße Licht entfernte sich, schien zurück gedrängt zu werden. Alkalja war enttäuscht. Das Licht war so vertraut gewesen. Das schrille Kreischen wurde weniger schrill und ging in einen durchdringenden hellen Ton über. Allmählich schien der Ton Struktur zu bekommen – eine Tonfolge schien sich abzuzeichnen. Eine freundliche, wohlklingende Stimme sagt in Standardsprache:
"Herzlich Willkommen in Uanzin. Wir hoffen Sie hatten einen angenehmen Clonjump."
Einige Zeit später hatte Alkalja sich vollständig angekleidet – alle Cloning Stations verfügten über die Standard-Einwegkleidung – und befand sich auf dem Weg zu den Raumschiffdocks. Er hatte hier eine alte Moa für Notfälle zurückgelassen. Dorthin wollte er nun. Der Caldari hatte einen Kopf wie eine Buschtrommel. So ein Clonjump ging doch auf die Nerven. Die Reaktivierung der in Stasis gehaltenen neuronalen Synapsen im Zuge der Initialprogrammierung des übertragenen Bewusstseins war nichts für labile Menschen. Es hatte insbesondere während der Einführung dieser Technologie damals einige wirklich hässliche Unfälle gegeben. Glücklicherweise waren Clonjump technologisch mittlerweile ausgereift – das Restrisiko jedoch war immer präsent. Man könnte es auch positiv ausdrücken: Die Psychologen und Mentalklempner hatten seit wirklich jede Dumpfbacke Clonjumps in Eigenregie durchführen durften keinen Mangel an Kundschaft zu beklagen.
Auf dem Weg zu den Raumdocks kam Alkalja am Zentralbereich der Station vorbei. Hier quirlte das Leben, hier gab es fast alles zu kaufen. Ein tolles Gefühl, wenn man bedenkt, dass Alkalja die letzte Zeit tief im 0.0 zugebracht hatte. Dort gab es nicht wirklich ein gutes Freizeitangebot, wenn man mal von den heftigen Saufgelagen in den überall etablierten Bars absieht. Alkalja ließ den Blick schweifen und bemerkte eine Gallente-Boutique, die mit quitschbunten Uniformkopien die Aufmerksamkeit der Kunden auf sich zu ziehen versuchte. Die Holos im Ausstellungsbereich übertrumpften sich gegenseitig mit immer extremeren Modegestalten. Eine Gruppe von drei Gallente-Girlies verließ gerade den Laden – offenbar auf Shoppingtour. Alkalja konnte kaum den Blick von raffinierten Tex-Changer-Kleidern abwenden – andauernd veränderten sich die Oberteile der jungen Gallenterinnen und erschienen teils durchsichtig, teils hauchdünn transparent, teils tief ausgeschnitten. Natürlich nur eine raffinierte High-Tech-Täuschung, aber immerhin eine atemberaubende. Die drei sahen den Caldari in seiner Standard-Einwegkleidung stehen und sie anstarren. Kichernd verschwanden die Mädels in der Menschenmenge. Alkalja fühlte sich wie ein ertappter Hinterwäldler. Die lange Zeit im 0.0 machte sich halt doch bemerkbar. Ein paar Läden weiter gab es einen weiteren Bekleidungsladen, der eher Alkaljas Geschmack traf. Die Dame im Laden war eine junge Caldari, die Alkalja beim Betreten des Ladens mit hochgezogenen Augenbrauen ansah:
"Guten Tag Civire, Du suchst sicherlich etwas angenehmeres als diese Plastik-Kleidung?"
Alkalja grinste breit und nickte nur. Diese junge Caldari war bestimmt – auch - ihres Aussehens wegen hier eingestellt worden. Alkalja musste tief durchatmen.
10 Minuten später hatte Alkalja ein komplett neues und bequemes, sportliches Outfit in klaren, aber gediegenen Farben am Körper und die private Com-Codenummer der niedlichen Bedienung im PPC gespeichert.
"Dank dir Sarie, ich ruf dich an wenn ich wieder mal im System bin.", verabschiedete Alkalja sich und erntete ein vielsagendes Augenblinzeln. Dann verliess er den Laden und wandte sich in Richtung Raumdocks.
Einige Zeit später stand er endlich wieder in der Kommandozentrale seines Schiffs – der Moa. Die Schiffs-KI war online und es liefen bereits die ersten Start-Checks. Die Flugkontrolle war bereits kontaktiert und er würde in Kürze einen Start-Slot erhalten. Der Weg zum gegenwärtigen GE-HQ war berechnet – es war eine ewig lange Strecke durch über 70 Sonnensysteme. Er würde die Zeit sinnvoll nutzen – und auch die Strecke selbst. Wer weiß schon wann es wieder diese praktische Gelegenheit zum Einkaufen geben wird? Alkalja musste quer durch das Amarr Reich – auch durch das Amarr Hauptsystem. Dort könnte man bestimmt einiges an Tech2 zu guten Kursen erwerben. Ein Empire-Krieg belastete die guten Aussichten ein wenig – aber vor wem sollte Alkalja denn schon Angst haben? Vor den paar Freelancern?
Endlich: Die Startfreigabe! Die Moa erhob sich langsam von den Arretierungsbolzen und glitt innerhalb des riesigen Stationshaupthangars auf das Außentor zu. Sicher schwenkte der Caldari-Cruiser auf den Kurs durch das Stationstor ein und verließ kurze Zeit später die Station endgültig. Die konventionellen Triebwerke erwachten zum Leben und beschleunigten das Schiff auf Fluchtkurs von der Station weg in Richtung des ersten Sprungtors. Der Kurs war gesetzt. Der Flug nun Routine. Endlich wieder im freien Weltraum aktivierte Alkalja den Fernfunk seine Moa um auf der alten chiffrierten Frequenz eine Meldung ans GE-HQ zu senden:
… hier Alkalja – rufe GE HQ … habe nach Clonjump soeben Uanzin verlassen und befinde mich auf Transitflug für bekannte HQ Koordinaten. Nehme Nord-West-Route – Code BOB. Erbitte Bestätigung... … over …
Alkalja schaltete den Fernfunk auf Standby und lehnte sich im Pilotensessel zurück. Er würde es sich nie verzeihen, wenn aufgrund eines verschmorten Fernfunkgeräts womöglich doch noch GE-Piloten nach Detorid aufbrechen würden. Er kannte seine Kampfgefährten und den GE-Ehrenkodex. Hoffentlich kommt bald eine Bestätigung.
Mit einer kurzen Bewegung der rechten Hand brachte er die aktuellen Marktdaten auf den großen Panoramaschirm vor ihm. Im Empire konnte man schon immer gut Tech2 einkaufen. Und je voller die Systeme, desto niedriger die Preise – auf nach Amarr. Alkalja wühlte sich voller Vorfreude durch die Marktdaten während die Moa bereits im Warp auf das nächste Sprungtor war. Hoffentlich ging auch bald eine Nachricht vom HQ ein – üblicherweise ist da immer jemand online. Alkalja freute sich. Es ging wieder los...